Heute habe ich gleich vier Dinge getan, die ich noch nie zuvor getan habe.
- einen Lernfahrausweis beantragen
- auf ein zweites Date gehen
- in der Buchhandlung sec 52 an der Josefstrasse stöbern
- mir ein Migros Kultureistee-Trinkpäckchen kaufen
Letzteres schlürfe ich, während ich diesen Text schreibe auf der Bank an der Sihl auf der immer dieser eine Typ sitzt und kifft. Ich sitze hier zum ersten Mal seit ich hier eingezogen bin, obwohl ich es mir seit Februar vorgestellt hab, wie es ist, wenn’s wärmer wird auf dieser Bank an der Sihl zu sitzen, zu schreiben oder zu lesen. Diesen Sommer habe ich schon so viele Dinge zum ersten Mal gemacht. Ich hab italienisch gelernt, eine neue Stadt besucht, das erste Mal einen Duolingo-Streak von mehr als 30 Tagen erreicht. Es ist der erste Sommer in meiner eigenen Wohnung, ich schau das erste Mal Zucchetti beim Wachsen und Erdbeeren beim Rot-Werden zu, ich erlebe gerade so viele erste Male mit neuen Freund*innen, aber auch das erste Mal Freund*innen auf Antworten warten lassen und keine Zeit finden für Leute, die ich gerne näher hätte, das fühlt sich doof an.
Ich hab das erste Mal Mandelmus gekauft um vegane Sahnesosse zu kochen. Ich fuhr das erste Mal alleine ans Meer. Ich hab ein neues Deo ausprobiert und mir das erste Mal die Nägel machen lassen. Ich wurde das erste Mal unangenehm angeflirtet, ich bin das erste Mal auf den Niesen gewandert, ich hab ein paar Bücher gelesen, die ich noch nie gelesen hab und Lieder gehört, die ich nicht kannte. Ich schlief in drei Betten, in denen ich noch nie geschlafen hatte, lernte zum erste Mal offiziell die Mama eines Partners einer Freundin kennen, ich hab zwei neue Filme geschaut, beide open air und beide nicht zu ende. Ich war das erste Mal auf einer Pride und hab das erste Mal bei einer EM mitgefiebert, ich war sogar im Stadion. So viele erste Male. Ich merke, dass ich ein bisschen müde bin, weil Dinge eben schon einfacher werden, wenn man sie übt.
Heute habe ich mindestens drei Dinge gefühlt, die mir altbekannt sind. Ich hab das Gefühl nirgends richtig angekommen zu sein. Ich hab das Gefühl nicht genug zu tun. Und ich hab das Gefühl hinterher zu hinken. Ich glaube, nichts davon stimmt. Und trotzdem: Die Ungeduld und ich sind alte Freundinnen, ich hab richtig Feuer unter’m Arsch. Es fühlt sich eng an, als hätten diese drei Gefühle keinen Platz in meiner Haut. Gleichzeitig fühlt es sich an, als wäre es noch nie so schlimm um diese Welt gestanden, wie es jetzt steht. Zumindest nicht solange ich denken kann. Das ist fucking scary und dagegen fühlen sich meine drei Gefühle dann doch klein an, ich fühl mich klein.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich versuche mit dieser Gleichzeitigkeit umzugehen. Auch nicht das erste Mal, dass ich mir wünschte, ignoranter zu sein. Das finde ich ein sau dummer und ignoranter Wunsch. Ich glaube, meine grössten Stärken sind die Neugier, mein Mut zu ersten Malen und das Sensibel-Sein. Diese Dinge vertragen sich nicht mit Ignoranz. Ich glaube nicht, dass mein Trauern um Eiskappen und stiller Schreck vor dem Einschlafen wegen des Genozids in Gaza etwas verändern. Aber ich glaube, dass Ignoranz Leid verstärkt und ungerechte Strukturen aufrecht erhält. Und obwohl dieses Leid und die Strukturen nicht meine Schuld sind (zumindest nicht meine allein), ist informiert sein und nicht kaltgelassen bleiben in meiner Verantwortung. Am Fluss sitzen und weinen – ums Verwurzelt sein, um die Eiskappen, wegen der Gleichzeitigkeit und weil so viel Leid passiert – verstehe ich als eine Form von Widerstand. Ich will mich nicht an Grausames gewöhnen.
Gerade habe ich ein Buch von Şeyda Kurt gehört in dem sie schreibt: „Ich will mich nicht in dem verschanzen was ich kenne, denn was ich kenne, habe ich mir nicht immer ausgesucht“. Ich glaube, auch Offenheit ist eine Form von Widerstand. Weil man für Offenheit zuhören muss.
Heute habe ich gleich vier Dinge zum ersten Mal getan und diesen Sommer schon so viele und wenn ich darüber nachdenke, macht mich das ein bisschen stolz. Ich fühle mich dadurch selbst wirksam (und ein bisschen widerständig).
Jetzt kommt der Typ, der auf meiner/seiner Bank kiffen will und weil ich heute echt schon genug Neues ausprobiert hab (und Drogen gegenüber ein bisschen abgeneigt bin), überlasse ihm die Bank. Ich will noch ein Stück spazieren und versuchen ein bisschen mehr Raum in meiner Brust zu schaffen. Für die Gleichzeitigkeit. Fühlt Euch umarmt, wenn Ihr möchtet. Und kauft euch ein Migros Kultureistee-Trinkpäckchen, es kostet 50 Rappen und schmeckt.
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